Profile des Bösen

Partnerwahl ist Problemwahl! Aber wie erkennt man jenseits solcher alten Weisheiten wie hoch das Risiko für böses Verhalten ist? Das Jurastudium jedenfalls bereitet junge Absolvent:innen heute kaum besser darauf vor als meine Babyboomer-Generation vor über 30 Jahren. „Profile des Bösen“, ein eingängig geschriebenes, deswegen nicht weniger sachkundiges Buch aus der Feder einer Kriminaldirektorin und eines Psychotherapeuten schafft Abhilfe.

Tour d‘ Horizon

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Lektüre lohnt sich – nicht nur für angehende Strafjurist:innen und Legal Coaches. Die beiden Autoren Dres. Christian und Kerstin Lüdke nehmen ihre Leser:innen nämlich mit auf eine regelrechte Tour d’Horizon. Nachdem sie gleich auf der ersten Seite ihres Vorworts die oben gestellte Frage mit der entscheidenden Gegenfrage beantworten: „Fühlen Sie sich geliebt?“, präsentieren sie Menschenbilder ebenso wie bekannte Formen psychischer Störungen.

Wider die Angst

Während es dabei in den ersten Kapiteln vor allem um menschliche Befindlichkeiten geht, gehen die Autoren im mittleren Teil auf das ein, was sie plakativ als „Fratzen der Gewalt“ bezeichnen. Das reicht von der Faszination des Abscheulichen über verhaltensbestimmte Faktoren und situationsbedingtes bis hin zu persönlichkeitsbedingtem Verhalten.

Dabei kommt der „Egoismus der Gene“ ebenso zur Sprache wie grundlegende Gegenkräfte gegen die Angst – in fortschreitenden Covid-19-Zeiten ein unvermindert aktuelles Thema. Lüdke/Lüdke nennen Ross und Reiter und sprechen von Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Die Autorin dieser Zeilen coacht im Einklang damit nach dem LONDON-Prinzip: Leidenschaften pflegen, optimistisch sein, Neugier bewahren, Dankbarkeit empfinden, objektiv bleiben …und niemals den Humor verlieren.

Grundlagenwissen zu Persönlichkeitsformen

Gleichzeitig gehört es zu den großen Verdiensten des Autorenteams, dass das Buch auch vor der Vermittlung komplexen Grundlagenwissens nicht zurückschreckt. So führt beim Verständnis der unterschiedlichen Persönlichkeitstypen bis heute kein Weg vorbei an den Klassifizierungen Fritz Riemanns, so sperrig dessen Begrifflichkeiten uns heute erscheinen mögen. Die Beschreibung einzelner sowie kombinierter (!) Persönlichkeitsstörungen ist wiederum unabdingbar dafür, dass man die Wechselwirkung von Persönlichkeit und situativem Verhalten erkennt.

Praktischer Nutzwert

Entsprechend besser lassen sich jetzt Täter:innen und Situationen einschätzen. Auch hierzu gibt das Autorenteam schließlich ganz konkrete Tipps. Unter der Überschrift: „Was können wir gegen das Böse im Alltag tun?“ finden auch junge Juristinnen und Juristen manche Anleitung dazu, wie sich mit schwierigen Mandant:innen und Situationen fortan besser umgehen lässt. Dazu gehört beispielsweise eine Fortentwicklung des eigenen Gespürs für Körpersignale: Achten Sie auf Ihre Sinne, Ihre Tiefen- und Selbstwahrnehmung. Das Erkennen der „dunklen Triade“ als einer Kombination von Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus ist zudem für alle diejenigen interessant, die mit potenziell straffälligen Mandantinnen und Mandanten zu tun haben.

Ein jeweils abschnittsbezogener Literaturteil und ein eigenes Kapitel mit Hilfsangeboten runden „Profile des Bösen“ ab. Und wenn die letzte Überschrift dann lautet, „Glaube kann helfen“, dann ist das wiederum kein Allgemeinplatz, sondern, siehe oben: auch das ist eine echte alte Weisheit.

Dr. Christian Lüdke/Dr. Kerstin Lüdke, Profile des Bösen, Verlag Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-658-28435-0, XIX, 273 Seiten, 22,99 EUR

Foto: Buchcover „Profile des Bösen“

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