Bevor man sich als Anwältin oder Anwalt dazu entscheidet, die Karriere durch einen Fachanwaltslehrgang voranzutreiben, stellt man sich vermutlich erst einmal mehrere Fragen. Lohnt sich ein solcher Lehrgang, wie lange dauert er und was kommt inhaltlich auf einen zu? Das Für und Wider muss natürlich jeder letztendlich für sich selbst entscheiden, doch dieser Artikel soll ein wenig dabei helfen, indem er die grundlegenden Fragen zum Fachanwaltslehrgang im Erbrecht beantwortet. Die Fachanwaltschaft im Erbrecht wurde von der Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) im Jahr 2005 beschlossen. Zum 1. Januar 2024 waren 2.372 Fachanwälte und Fachanwältinnen für Erbrecht in Deutschland zugelassen.
Voraussetzungen für die Verleihung des Fachanwaltstitels?
Die zuständige Rechtsanwaltskammer verleiht nach Maßgabe der FAO die Berechtigung zum Führen der Fachanwaltsbezeichnung. Die Voraussetzungen für diese Verleihung sind:
- Dreijährige Zulassung und Tätigkeit als Rechtsanwalt innerhalb der letzten sechs Jahre vor Antragstellung (§ 3 FAO)
- Antragstellung bei der zuständigen Rechtsanwaltskammer (§ 22 FAO)
- Nachweis besonderer theoretischer Kenntnisse (§§ 4, 4a und 6 FAO)
- Nachweis besonderer praktischer Erfahrungen (§§ 5, 6 FAO)
- Nachweis besonderer Kenntnisse (§ 14b FAO)
Wie lange dauert der Lehrgang?
Der Erwerb des Fachanwaltstitels setzt voraus, dass der Antragsteller an einem auf die Bezeichnung als Fachanwalt vorbereitenden anwaltsspezifischen Lehrgang teilgenommen hat, der alle relevanten Bereiche des jeweiligen Fachgebiets umfasst. Die Gesamtdauer des Lehrgangs muss dabei mindestens 120 Zeitstunden betragen. Der Zeitraum, in dem sie absolviert werden, ist individuell und variiert je nach Anbieter. Die Leistungskontrollen sind hier nicht umfasst.
Welche Leistungskontrollen gibt es?
Der Antragsteller muss – um den Fachanwaltstitel führen zu dürfen – mindestens drei schriftliche Leistungskontrollen (Aufsichtsarbeiten) in Präsenzform aus verschiedenen Bereichen des Lehrgangs erfolgreich ablegen. Eine Leistungskontrolle muss mindestens eine Zeitstunde ausfüllen und darf fünf Zeitstunden nicht überschreiten. Die Gesamtdauer der bestandenen Leistungskontrollen darf fünfzehn Zeitstunden nicht unterschreiten (§ 4a FAO). Man sieht also auch hier, dass es die pauschale Antwort an dieser Stelle nicht gibt. Das Gute daran ist jedoch, dass man – je nach persönlichen Vorlieben – verschiedene Möglichkeiten hat, je nachdem welche Art von Lehrgang man bevorzugt.
Welche Inhalte kommen auf einen zu?
Für den Fachanwalt im Erbrecht sind laut § 11f FAO in folgenden Bereichen besondere Kenntnisse nachzuweisen:
- Materielles Erbrecht unter Einschluss erbrechtlicher Bezüge zum Schuld-, Familien-, Gesellschafts-, Stiftungs- und Sozialrecht
- Internationales Privatrecht im Erbrecht
- Vorweggenommene Erbfolge, Vertrags- und Testamentsgestaltung
- Testamentsvollstreckung, Nachlassverwaltung, Nachlassinsolvenz und Nachlasspflegschaft
- Steuerrechtliche Bezüge zum Erbrecht
- Besonderheiten der Verfahrens- und Prozessführung
Welche praktischen Erfahrungen muss man nachweisen?
Der Erwerb besonderer praktischer Erfahrungen setzt voraus, dass man innerhalb der letzten drei Jahre (künftig fünf Jahre; Änderungsbeschluss der Satzungsversammlung vom 26.5.2025) vor der Antragstellung im jeweiligen Fachgebiet als Rechtsanwalt oder Rechtsanwältin persönlich und weisungsfrei eine bestimmte Anzahl an Fällen bearbeitet hat (§ 5 FAO). Den Mindestumfang gibt ebenfalls die FAO vor. Für das Erbrecht sind es laut § 5 Abs. 1m) FAO 80 Fälle. Davon müssen mindestens 20 rechtsförmliche Verfahren sein, wobei höchstens 15 dieser 20 Verfahren der freiwilligen Gerichtsbarkeit angehören dürfen. Die gesamten Fälle müssen sich auf alle in § 14f Nr. 1 bis 5 FAO bestimmten Bereiche beziehen. Dabei müssen jedoch aus insgesamt drei Bereichen mindestens jeweils 5 Fälle bearbeitet worden sein.
Lohnt sich ein Fachanwaltstitel?
Viele Rechtssuchende interessieren sich besonders für Anwälte und Anwältinnen mit fachlicher Erfahrung. Insofern ist eine weitere Spezialisierung, die auch von der zuständigen Berufskammer kontrolliert und vergeben wird, ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsvorteil. Des Weiteren verpflichtet der Fachanwaltstitel, durch Fortbildungen den hohen Qualitätsstandard der Arbeit sicherzustellen. Wer seiner Fortbildungspflicht nicht nachkommt, dem droht der Widerruf der Erlaubnis, den Titel zu führen.
Die Fachanwaltsordnung verlangt hier, dass man entweder kalenderjährlich auf dem jeweiligen Gebiet publiziert oder mindestens 15 Fortbildungsstunden in einem Jahr ableistet (§ 15 FAO). Derartige Fortbildungen werden sowohl online, als auch in Präsenz angeboten. Sie bieten zum einen die Möglichkeit, speziell zu dem gewählten Fachbereich Vorträge zu hören oder an Seminaren teilzunehmen. Zum anderen haben aber gerade Präsenzveranstaltungen den Vorteil, Kolleginnen und Kollegen zu treffen und kennenzulernen, die im selben Fachbereich tätig sind. Vor dem Hintergrund der Akquise eigener Mandate ist vor allem dieser Aspekt nicht zu unterschätzen. Eine Empfehlung wird nämlich immer derjenige erhalten, den man kennt und mit dem man gerne zusammenarbeitet.
Wo kann man einen Fachanwaltslehrgang absolvieren?
Nicht nur die Fortbildung, sondern auch den Fachanwaltslehrgang selbst kann man als Online- oder Präsenzlehrgang absolvieren. Drei verschiedene Anbieter sollen im Folgenden vorgestellt werden:
ARBER Seminare bieten praktischerweise Hybridlehrgänge an. Der Vorteil ist hier ganz klar, dass man bei jeder Einheit wählen kann, ob man vor Ort oder Online teilnehmen möchte. Aktuell werden beispielsweise die Lehrgänge für München und Leipzig angeboten. Der Klausurort dagegen kann in verschiedenen Städten in ganz Deutschland ausgewählt werden. Die Lehrgänge finden dabei innerhalb von vier Monaten in sechs Blöcken statt. Ein Block dauert hier drei Tage lang. Der Preis liegt bei rund 1.490 Euro.
Die Anwaltsakademie bietet einen Lehrgang an, der überwiegend Online und an einem Termin in Präsenz stattfindet. Davon ausgenommen sind Klausuren. Diese finden ausnahmslos vor Ort statt. Alle Klausuren können in Düsseldorf geschrieben werden, für ausgewählte Termine stehen aber auch Frankfurt a. M. und Hamburg als Orte zur Auswahl. Der Lehrgang dauert knapp fünf Monate. Er gliedert sich in sechs mehrtägige Bausteine sowie drei Klausuren à fünf Stunden. Versäumte Stunden bzw. Klausuren können in einem anderen Lehrgang nachgeholt werden. Der Preis liegt – je nachdem, in welche Kategorie man fällt – in diesem Bereich:
- 2.350 Euro Mitglieder Arbeitsgemeinschaft Erbrecht/DVEV
- 2.350 Euro RAe/-innen bis 3 Jahre nach Zulassung/Assessoren/-innen bis 3 Jahre nach 2. Examen/Referendare/-innen
- 2.450 Euro Mitglieder Anwaltverein
- 2.665 Euro Nichtmitglieder
- zzgl. 280 Euro Gebühr Klausuren
Fachseminare von Fürstenberg bieten ebenfalls einen Hybridlehrgang an, der sowohl vor Ort, als auch online in knapp sechs Monaten absolviert werden kann. Zu Beginn des Lehrgangs stehen dabei etwa sechs Wochen Eigenstudium als Einstieg auf dem Plan. Anschließend folgen drei Blöcke a 3 Tage entweder vor Ort oder online. Derzeit stehen als vor Ort Termine Köln und München zur Verfügung. Am Ende steht die 2-tätige Abschlussklausur gemäß § 4a FAO, die entweder in Köln oder München stattfindet. Die Kosten für den Lehrgang liegen in diesem Bereich und sind auch hier kategorieabhängig:
- Junganwältinnen und Junganwälte mit weniger als vierjähriger Zulassung: 2.499 Euro
- Juristinnen und Juristen mit einer Zulassung vor mehr als vier Jahren: 2.799 Euro
- für die Teilnahme an einer Leistungskontrolle zzgl.: 380 Euro
- Frühbucherrabatt bei Anmeldung bis zum 15.01. bzw. 15.07.: – 200 Euro
Egal, wo man seinen Fachanwaltslehrgang letztendlich absolviert, es empfiehlt sich in jedem Fall, beim Arbeitgeber in Erfahrung zu bringen, ob die Kosten (zumindest teilweise) übernommen werden und unter welchen Bedingungen dies geschieht.
Der FFI-Fälle-Booster:
Mit moderner KI-Technologie schneller zum Fachanwaltstitel
Die Fallliste ist die letzte Hürde zum Fachanwaltstitel. Mit dem Projekt „Fälle-Booster“ möchte eine Initiative des FFI-Verlags Ihnen helfen, dieses Ziel in 6 bis 12 Monaten zu erreichen und gleichzeitig Ihren Gewinn im Jahr 2025 deutlich zu steigern. Ihr und unser Ziel: 50 bis 100 neue Fälle innerhalb eines Jahres.
Karrierechancen als Fachanwalt oder Fachanwältin im Erbrecht?
Fachanwältinnen und Fachanwälte für Erbrecht haben gute Karrierechancen, denn das Erbrecht ist ein komplexes, bedeutendes und auch krisensicheres Rechtsgebiet. In einer alternden Gesellschaft wie unserer nimmt die Zahl der Erbfälle zu – daher ist auch davon auszugehen, dass der Beratungsbedarf im Erbrecht steigen wird. Hat man den Fachanwaltslehrgang im Erbrecht absolviert, arbeitet man fast immer in einer Kanzlei. Hier unterscheiden sich die Karrierechancen natürlich je nachdem, ob es sich um eine kleine, mittelständische oder um eine Großkanzlei handelt. Während man sich in Großkanzleien häufiger mit grenzüberschreitenden Fällen sowie Unternehmensnachfolgen beschäftigt und eher spezialisiert arbeitet, decken kleine Kanzleien mit der Testamentserstellung und -anfechtung, Nachlassabwicklung und Pflichtteilsansprüchen ein breites Spektrum ab. Möchte man selbst eine Kanzlei gründen, stehen zusätzlich die Unternehmensgründung sowie die Unternehmensführung auf dem Plan.
Auf Erbschaften spezialisierte Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte arbeiten inhaltlich zweigeteilt. Zum einen erfolgt eine Beratung der Mandantinnen und Mandanten, die ein Testament zu Lebzeiten aufsetzen möchten und somit ihr Erbe vertraglich regeln möchten. Zum anderen berät man Hinterbliebene dazu, wie Sie den Nachlass entweder annehmen oder im Falle von vererbten Schulden ausschlagen können.
Wie sind die Gehaltsaussichten?
Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Fachanwalts für Erbrecht in Deutschland liegt laut StepStone bei 63.200 Euro brutto. Jedoch spielen selbstverständlich Faktoren, wie die Berufserfahrung, die Ausbildung, die Betriebsgröße oder auch das Bundesland eine entscheidende Rolle. So reicht die Spanne letztlich von 55.900 Euro bis 75.800 Euro.
Fazit: Kosten und Nutzen abwägen
Ob sich ein Fachanwaltstitel für den Einzelnen nun lohnt, muss selbstverständlich jeder selbst beurteilen. So müssen Kosten und Nutzen einer weiteren Ausbildung neben der beruflichen Tätigkeit gründlich abgewogen werden. Während in größeren Kanzleien der Titel die Karriere durchaus vorantreiben kann, zählt in kleineren Kanzleien gern auch die Berufserfahrung sowie die Bewertung der Mandantschaft mehr, als der Titel. Es kommt – wie immer – darauf an.
Pia Nicklas hat Rechtswissenschaften in Bayreuth und Wirtschaftsrecht an der Fernuniversität Hagen studiert. Sie arbeitete erst als Werkstudentin und nach Ihrem Abschluss als Wirtschaftsjuristin im Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen. Nach einem kurzen Ausflug in die Kanzleiwelt und in ein großes Wirtschaftsunternehmen, ist sie seit Anfang 2020 als freiberufliche Fachtexterin im juristischen Bereich tätig.










