Projektjurist

Von Jan-Christian von Eye

Wenn qualifizierte Juristinnen und Juristen projektbezogen und zeitlich befristet für Kanzleien und Unternehmen arbeiten, mag dies für manche auf den ersten Blick nach einem prekären Arbeitsverhältnis aussehen. Doch in Zeiten, in denen Unternehmen und Kanzleien Schwierigkeiten haben, qualifiziertes Personal zu finden, und potenzielle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich mehr Flexibilität wünschen, kann dies für beide Seiten genau das Richtige sein. Jan-Christian von Eye hat sich nach seinem Referendariat und mehrjährigen Erfahrungen in Großkanzleien für eine Tätigkeit als freiberuflicher Projektjurist entschieden und damit seinem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Flexibilität entsprochen. Im Interview steht er Rede und Antwort zu seinem persönlichen Weg in die juristische Projektarbeit, den Vorteilen, dem Bewerbungs- und Vermittlungsprozess sowie typischen Aufgaben, die er in seiner Rolle übernimmt.

Herr von Eye, Kanzleien und Unternehmen setzen zunehmend auf die Einstellung von Projektjuristinnen und -juristen. Was waren Ihre persönlichen Beweggründe, als Projektjurist tätig zu werden?

Nach dem Referendariat hatte mich der Berufseinstieg in das hochprofessionelle Arbeitsumfeld der Großkanzleien sehr gereizt. Im Laufe meiner Angestelltenkarriere fühlte ich mich letztlich aber zunehmend von den Strukturen und Zwängen in der Kanzleiwelt eingeengt. Ich wollte eigenständiger und vor allem selbstbestimmter arbeiten. Als freiberuflicher Projektanwalt kann ich nun selbst entscheiden, wann, wo und mit wem ich arbeite. Auf diese Weise kann ich weiterhin für Mandanten aus der Wirtschaft arbeiten, bin aber gleichzeitig mein eigener Chef. Ein weiterer Vorteil der freiberuflichen Anwaltstätigkeit im Bereich des Interim- und Projektgeschäfts ist für mich, dass ich weniger auf umfangreiche Neuakquise setzen muss und mich stattdessen intensiver auf wenige Mandanten konzentrieren kann, die mich deutlich stärker auslasten als dies bei vielen kleinen Einzelmandaten der Fall wäre.

Wie läuft das Bewerbungsverfahren bzw. die Vermittlung an Kanzleien oder Unternehmen ab?

In der Regel läuft die Vermittlung über einen professionellen Vermittler, bspw. in meinem Fall Vario Legal, der meist der zentrale Ansprechpartner für Unternehmen und Kanzleien mit entsprechenden Personalbedarf ist. Geht eine für mein Profil passende Projektanfrage beim Vermittler ein, spricht dieser mit mir die Eckdaten und angedachten Konditionen des Projekts durch und stellt mich anschließend beim potenziellen Mandanten vor. In einem anschließenden (meist virtuellen) Meeting lernt man einander kennen und schließt schließlich eine Mandatsvereinbarung.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile gegenüber einem klassischen Angestelltenverhältnis?

Durch die Selbständigkeit gewinne ich eine enorme Flexibilität, von der ich auch privat profitiere. Ich kann weitgehend selbst bestimmen, wie ich mir meine Arbeit einteile, wann ich arbeite und wann ich freinehmen möchte, wo ich arbeite und (in gewissen Grenzen natürlich) auch mit wem und zu welchen Konditionen ich arbeite. Zudem finde ich es unglaublich spannend, regelmäßig neue Fachkollegen und Mandanten kennenzulernen und intensiv für eine Weile zu begleiten. Man hat eine steile Lernkurve, weil man viele unterschiedliche Einblicke in Unternehmen und Kanzleien erhält. Ich glaube, langfristig kann dieser Erfahrungsschatz meinen Marktwert nur steigern.

Mit welchen Aufgaben sind Sie als Projektjurist typischerweise betraut?

Der Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit liegt im Bereich Commercial. D. h. ich bin häufig mit der Prüfung, Gestaltung und Verhandlung unterschiedlicher kommerzieller Verträge und Geschäftsbedingungen in deutscher und englischer Sprache betraut – insb. Rahmenverträge, Lieferverträge, Projektverträge, allgemeine und besondere Geschäftsbedingungen, Geheimhaltungsvereinbarungen, Codes of Conduct. Ich bin rechtlicher Ansprechpartner für die Vertriebsmitarbeiter meiner Mandanten und berate diese zu den im Tagesgeschäft anfallenden Rechtsfragen. Man wird sicherlich sagen können, dass sich das Aufgabenprofil nicht allzu sehr von dem unterscheidet, womit ein Legal Counsel im Unternehmen oder ein Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin in einer wirtschaftsrechtlichen Kanzlei betraut ist.

Herr von Eye, vielen Dank für das Interview.

Nach rund sechseinhalb Jahren als angestellter Rechtsanwalt in zwei namhaften Großkanzleien hat sich Jan-Christian von Eye im Mai 2022 selbständig gemacht. Seither ist er als freiberuflicher Rechtsanwalt mit besonderem Schwerpunkt im Interim- und Projektgeschäft für Wirtschaftskanzleien und Unternehmen tätig. Sein Haupttätigkeitsgebiet ist im Bereich Commercial (Wirtschaftsrecht, Vertragsrecht, Handels- und Vertriebsrecht), daneben aber auch im Bereich Gesellschaftsrecht und Prozessführung.

Bild: Adobe Stock/©Dilok