Migrationsrecht

Von Oriane Lafargue

Das Migrationsrecht ist ein dynamisches und vielfältiges Rechtsgebiet, das in den letzten Jahren einen starken Zuwachs an Mandantinnen und Mandaten verzeichnen konnte. Das klingt vielversprechend für Juristinnen und Juristen, die sich in diesem Bereich spezialisieren möchten. Allerdings ist das Rechtsgebiet auch von teils sehr kurzfristigen Gesetzesänderungen geprägt. Wir haben deshalb eine Anwältin für Migrationsrecht gefragt, was die Arbeit in diesem komplexen Rechtsgebiet ausmacht. Im Interview verrät Oriane Lafargue, wie vielfältig das Migrationsrecht ist, wie typische Mandate aussehen und was sie an der Arbeit in diesem Rechtsgebiet besonders bereichernd findet.

Frau Lafargue, wie sind Sie persönlich zum Migrationsrecht gekommen?

Als ich mich zum ersten Mal mit dem Migrationsrecht beschäftigte, war es eigentlich eher ein Zufall als eine bewusste Entscheidung. Meine damalige Chefin befand sich im Mutterschaftsurlaub und benötigte jemanden, der sie während ihrer Abwesenheit vertreten konnte. Aus diesem Grund fiel die Aufgabe, sich um das Dezernat für Migrationsrecht zu kümmern, auf mich. Zu diesem Zeitpunkt war ich komplett auf mich gestellt und musste mich schnell in das Thema einarbeiten.

Während meiner Arbeit als Vertretung hat mich die Breite und Komplexität des Migrationsrechts fasziniert. Es war beeindruckend zu sehen, wie unterschiedliche Rechtsgebiete miteinander verknüpft waren und wie vielschichtig die rechtlichen Fragestellungen sein konnten. Was mich besonders beeindruckte, war der kollegiale Umgang zwischen den Rechtsanwälten und Rechtsanwältinnen, den ich so aus meinem Studium der Rechtswissenschaften nicht kannte. Diese Atmosphäre des gegenseitigen Austauschs und der Zusammenarbeit motivierte mich zusätzlich, mich intensiver mit dem Migrationsrecht zu beschäftigen. Meine Begeisterung für das Migrationsrecht ist über die Jahre hinweg geblieben, und ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die mir dieses faszinierende Rechtsgebiet bietet.

Wie kann man sich auf das Migrationsrecht spezialisieren und welchen Weg der Spezialisierung haben Sie gewählt?

Das Migrationsrecht bietet eine breite Palette an Spezialisierungsmöglichkeiten, da es ein äußerst vielschichtiges und interdisziplinäres Rechtsgebiet ist. Man kann sich auf verschiedene Bereiche konzentrieren, darunter das Aufenthaltsrecht, Asylrecht, Einbürgerungsrecht, Fachkräfteeinwanderung und Arbeitsmigration, Familienzusammenführung sowie Abschiebungs- und Rückführungsrecht. Mein persönlicher Weg der Spezialisierung umfasst eine Kombination dieser Bereiche.

Aufgrund meiner wachsenden Faszination für das Thema habe ich mich 2016 entschlossen, den Fachanwaltslehrgang im Migrationsrecht zu absolvieren. Während dieses Lehrgangs hat sich mein Interesse an diesem Rechtsgebiet weiter verstärkt.

Ich war beeindruckt von der Interdisziplinarität des Migrationsrechts und der Vielfalt der damit verbundenen rechtlichen Fragestellungen.

Um mein Wissen und meine Expertise auf diesem Gebiet weiter zu vertiefen, entschied ich mich sogar dafür, meinen Master of Laws (LL. M.) im Bereich Migrationsrecht mit Schwerpunkt auf dem Missbrauch von Vaterschaftsanerkennungen zu absolvieren. Derzeit promoviere ich im Bereich Migrationsrecht und setze mich mit weiterführenden Fragen und Herausforderungen auf diesem Gebiet auseinander.

Wie sieht ein Arbeitstag in einer Kanzlei für Migrationsrecht aus – welche Mandatsanfragen bekommen Sie beispielsweise, wer sind typische Mandantinnen und Mandanten?

Ein Arbeitstag in einer Kanzlei für Migrationsrecht ist äußerst abwechslungsreich und vielfältig. Je nach Spezialisierung und Schwerpunkt der Kanzlei können die Tätigkeiten variieren, aber einige gemeinsame Elemente sind typisch. Typische Mandantinnen und Mandanten in einer Kanzlei für Migrationsrecht können sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen sein. Die Privatpersonen umfassen dabei Asylsuchende, Arbeitnehmende, Studierende, Familienangehörige ausländischer Personen sowie Personen, die die Staatsbürgerschaft erwerben möchten. Unternehmen können Hilfe bei der Einwanderung von Fachkräften, der Einhaltung von aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Vorschriften für ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie bei Fragen zur internationalen Personalbeschaffung und -verwaltung suchen.

Am Ende des Tages ist es immer ein bunter Blumenstrauß an Anfragen aus den unterschiedlichen Teilbereichen des Migrationsrechts.

Durch die verstärkte Zuwanderung ist die Zahl der (potenziellen) Mandantinnen und Mandanten ja in den letzten Jahren gestiegen. Sicherlich kommt es manchmal zu sprachlichen Barrieren in der Mandantenkommunikation, dazu kommen teils kurzfristige Gesetzesänderungen, über die Sie sich stetig informieren müssen. Das kann einige junge Juristinnen und Juristen womöglich abschrecken. Was kann aus Ihrer Sicht an der Arbeit in diesem Rechtsgebiet besonders erfüllend sein und Nachwuchstalente hingegen ermutigen?

Die Arbeit im Bereich des Migrationsrechts kann zweifellos herausfordernd sein, insbesondere angesichts der sprachlichen Barrieren in der Mandantenkommunikation, kurzfristiger Gesetzesänderungen und der ständigen Präsenz des Themas Migration in der politischen Diskussion. Doch trotz dieser Herausforderungen bietet die Arbeit in diesem Rechtsgebiet auch viele erfüllende Aspekte und Möglichkeiten, die junge Juristinnen und Juristen dazu ermutigen können, sich für eine Karriere im Migrationsrecht zu entscheiden.

Zum einen ist der direkte Einfluss auf das Leben anderer Menschen einer der erfüllendsten Aspekte meiner Arbeit. Durch die Hilfe bei der Lösung rechtlicher Probleme und der Verteidigung von Rechten leisten wir einen unmittelbaren Beitrag zum Wohlergehen unserer Mandantinnen und Mandanten, und wodurch wir ein starkes Gefühl der Sinnhaftigkeit erleben. Zusätzlich bietet die Arbeit im Migrationsrecht interkulturelle Erfahrungen und Vielfalt. Der Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Kulturen und Hintergründen fördert das Verständnis und die Toleranz und erweitert den eigenen Horizont.

Die gesellschaftliche Relevanz und Bedeutung des Themas Migration machen die Arbeit im Migrationsrecht besonders bedeutend. Durch ihren Beitrag können Juristinnen und Juristen positive Veränderungen in der Gesellschaft bewirken und sich für eine gerechtere und humanere Migrationspolitik einsetzen.

Neben diesen erfüllenden Aspekten bietet das Migrationsrecht auch vielfältige berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und Karrierechancen.

Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in diesem Bereich ist groß und wird voraussichtlich weiter zunehmen, was jungen Juristinnen und Juristen eine vielversprechende Zukunftsperspektive bietet.

Daher ermutige ich Nachwuchstalente, sich für eine Karriere im Migrationsrecht zu entscheiden und die vielfältigen Chancen und Möglichkeiten zu nutzen, die dieses spannende und dynamische Rechtsgebiet bietet.

Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen oder entwickeln, die in anderen Rechtsgebieten vielleicht weniger gefordert sind?

Geduld ist eine unerlässliche Eigenschaft, da Behördenverfahren im Migrationsrecht oft langwierig sind und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken können. Es erfordert Geduld, mit den langsamen Prozessen und den damit verbundenen Verzögerungen umzugehen. Zudem ist Empathie und Verständnis von großer Bedeutung. Ein tieferes Verständnis für die Situation und die Bedürfnisse der Mandantinnen und Mandanten ist entscheidend: Viele Rechtsratsuchende im Migrationsrecht befinden sich in schwierigen Lebenssituationen und benötigen nicht nur rechtliche, sondern auch emotionale Unterstützung.

Insgesamt erfordert die Arbeit in einer Kanzlei für Migrationsrecht ein hohes Maß an Fachwissen, interkultureller Sensibilität und rechtlicher Expertise, um die vielfältigen Bedürfnisse und Anliegen der Mandantinnen und Mandanten zu erfüllen.

Schließlich ist Stressresistenz eine wichtige Eigenschaft, um in diesem Bereich erfolgreich zu sein. Die Arbeit im Migrationsrecht kann mitunter stressig und belastend sein. Doch die Möglichkeit, einen positiven Beitrag zur Lösung rechtlicher Probleme zu leisten und das Leben anderer Menschen positiv zu beeinflussen, macht diese Herausforderungen lohnenswert und erfüllend.

Frau Lafargue, vielen Dank für das Interview.

Oriane Lafargue LL. M. hat 2016 das 2. Staatsexamen abgeschlossen. Anschließend war sie in einer kleinen Kanzlei in Stuttgart tätig. Nach Abschluss ihres LL. M.-Studiums von 2017-2018 wechselte sie zur Kanzlei SOLEGIS und baute dort den Bereich Migrationsrecht auf. Seit 2020 ist sie Fachanwältin für Migrationsrecht. 2021 gründete sie ihre eigene Kanzlei mit ausschließlicher Spezialisierung auf das Migrationsrecht. Seit 2022 arbeitet sie parallel an ihrer Promotion.

Bild: Adobe Stock/©Achim Wagner