Prozessfinanzierer

Ein Interview mit Simon Hochstein, Omni Bridgeway AG

Die Kombination aus Jura und Wirtschaft – das ist es, was Simon Hochstein dazu bewegte, nach dem Jurastudium eine Karriere bei einem Prozessfinanzierer zu verfolgen. Der 31-jährige Rechtsanwalt ist seit Oktober 2019 als Junior Legal Counsel in den Bereichen Kartellrecht und Portfoliofinanzierungen beim Prozessfinanzierer Omni Bridgeway tätig. Im Interview gibt er Einblicke in seinen Arbeitsalltag und verrät dabei, warum ein gutes Händchen für Microsoft Excel beim Berufseinstieg helfen kann.

Herr Hochstein, warum haben Sie sich für eine Karriere bei einem Prozessfinanzierer entschieden?

Ein wesentlicher Punkt war die bereits genannte Verbindung von juristischen und ökonomischen Aspekten. Bereits früh während meines Studiums habe ich festgestellt, dass ich mich neben den juristischen Fragen auch stets für die ökonomischen Zusammenhänge eines Falls sehr interessiere. Diesem Interesse folgend bin ich auch zum Kartellrecht gekommen, in dem man sich vertieft mit dem operativen Geschäft der Mandanten sowie den entsprechenden Wirtschaftsmärkten auseinandersetzt. Es freut mich, dass ich auch in meiner Tätigkeit als Prozessfinanzierer weiter in diesem Rechtsbereich arbeiten kann.

Daneben war für mich ein wichtiger Aspekt, dass Prozessfinanzierer meines Erachtens eine zunehmend wichtige Rolle in unserem Rechtsmarkt einnehmen werden.

Gerade in kartellrechtlichen Schadensersatzprozessen müssen Klägerinnen und Kläger hohe Investitionen für Rechtsanwalts- und Gutachterkosten aufbringen. Teilweise können die Klägerinnen und Kläger eine solche Investition nicht stemmen, in weitaus mehr Fällen ist die notwendige Finanzkraft zwar vorhanden, die Geschäftsführung möchte die Bilanzen des Unternehmens jedoch nicht über Jahre mit diesen Prozessen belasten und die freiwerdende Liquidität lieber in das Kerngeschäft des Unternehmens stecken. Um den Anspruch dennoch durchsetzen zu können, kann man auf die Unterstützung eines Prozessfinanzierers zurückgreifen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Nachfrage und damit der Markt für Prozessfinanzierer zukünftig weiter wachsen werden.

Darüber hinaus empfand ich auch die Zusammenarbeit mit unseren Legal Tech-Partnern als sehr reizvolle Aufgabe. Man gewinnt vielfältige Einblicke in diesen Start-up-Bereich und ist dabei nicht auf ein einzelnes Unternehmen beschränkt.

Was genau finden Sie an Ihrer Tätigkeit besonders spannend?

Zuallererst die Verbindung aus juristischen und ökonomischen Themen. Als Prozessfinanzierer setzt man sich ebenso wie die Kolleginnen und Kollegen in Kanzleien mit juristischen Fragestellungen, den neuesten Entwicklungen in der Rechtsprechung und aktuellen Gesetzesänderungen auseinander. Im Vergleich zur rechtsanwaltlichen Tätigkeit liegt unser Fokus jedoch stärker auf strategischen, insbesondere prozessrechtlichen Themen. Beispielsweise erarbeiten wir im Dialog mit den mandatierten Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten eine Prozesstaktik für den individuellen Fall. Aufgaben wie die Erstellung der Schriftsätze oder die Vertretung des Mandanten vor Gericht erfolgen dann wiederum ausschließlich durch die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte.

Neben dieser juristischen Tätigkeit steht aber ganz wesentlich die wirtschaftliche Analyse der Fälle im Fokus. Unsere rechtliche Analyse des Falls übertragen wir in Zahlen und erarbeiten dann auf dieser Grundlage die wirtschaftlichen Konditionen einer Finanzierung.

Daneben begeistert mich, dass man sich als Prozessfinanzierer sowohl mit aktuellen gesellschafts- und rechtspolitischen Themen auseinandersetzt als auch die Weiterentwicklung des Rechts aus erster Hand miterlebt. Beispielsweise hat Omni Bridgeway (damals noch unter dem Namen ROLAND ProzessFinanz) verschiedene erfolgreiche Klagen des Datenschutzaktivisten Max Schrems gegen Facebook finanziert. Aktuell unterstützen wir im Rahmen der Corona-Pandemie viele Einzelhändler, Gastronomie- und Hotelbetriebe bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche aus sog. Betriebsschließungsversicherungen gegen verschiedene Versicherungsunternehmen, die trotz entsprechender Zusagen keine Ausgleichszahlungen leisten wollen. Durch unsere Kooperationen mit Legal Tech-Unternehmen haben wir darüber hinaus direkten Einblick in die Weiterentwicklung des Rechtsmarkts.

Des Weiteren finde ich es sehr spannend, den Bereich des Kartellrechts, den ich während meiner Ausbildung bereits aus der Sicht von Kanzleien sowie des Bundeskartellamts kennengelernt habe, noch einmal aus einer dritten Perspektive kennenzulernen. In dieser Hinsicht bietet eine Tätigkeit bei einem Prozessfinanzierer meines Erachtens durchaus verschiedene Vorteile: Während sich beispielsweise die meisten Kanzleien auf Schadensersatzklagen in einzelnen Kartellen fokussieren, engagieren wir uns in nahezu allen bekannten nationalen und internationalen Kartellen. Gerade im Kartellrecht stehen wir auch im ständigen Austausch mit unseren internationalen Kolleginnen und Kollegen. Nicht zuletzt durch den Zusammenschluss unserer niederländischen Muttergesellschaft mit dem australischen Prozessfinanzierer IMF Bentham bietet unsere Tätigkeit einen hohen Grad an Internationalität.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Meinen Arbeitsalltag beginne ich in der Regel mit einem Blick in mein E-Mail-Postfach. Sofern neue Finanzierungsanfragen eingegangen sind, überfliege ich diese zunächst. Häufig erkennt man bereits dabei, dass erforderliche Unterlagen fehlen, die angefordert werden müssen.

Im Anschluss setzen wir uns meistens in einem kleinen Team zusammen, um eine Finanzierungsanfrage rechtlich zu prüfen. Bei Rückfragen und fehlenden Dokumenten nehmen wir Kontakt zum mandatierten Rechtsanwalt bzw. zur Rechtsanwältin oder dem Mandanten auf.

Sofern uns der Fall aus rechtlicher Sicht überzeugt und wir eine überwiegende Erfolgswahrscheinlichkeit sehen, berechnen wir im Anschluss mögliche Finanzierungskonditionen und bereiten den Fall für unsere Finanzierungsgremien auf. Bei Finanzierungen mit großen Investitionsvolumen werden die Konditionen darüber hinaus nicht selten mit den Mandanten und Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten individuell ausgehandelt.

Mindestens einmal wöchentlich kommt unser nationales Finanzierungsgremium zusammen, in dem wir den Fall im Anschluss vorstellen und für eine positive Finanzierungsentscheidung werben. Im Falle einer positiven Abstimmung wird der Fall an unser internationales Finanzierungsgremium weitergeleitet und (meist im Rahmen von Videokonferenzen) Fragen des Gremiums beantwortet. Sobald auch von diesem Gremium eine positive Bestätigung vorliegt, stellen wir für den Mandanten ein Finanzierungsangebot zusammen.

Zwar finden die genannten Prozessabläufe nicht innerhalb eines Arbeitstages statt, dennoch beinhaltet mein Arbeitstag typischerweise zumindest einen dieser Arbeitsschritte. Daneben bin ich auch für die Betreuung meiner laufenden Finanzierungen verantwortlich. Sofern diesbezüglich neue Entwicklungen oder Entscheidungen anstehen, telefoniere ich mit den mandatierten Rechtsanwälten oder Rechtsanwältinnen und stimme unser weiteres Vorgehen ab. Zu den Gerichtsverhandlungen reise ich regelmäßig persönlich an.

Warum ist das Berufsbild des Prozessfinanzierers bei jungen Anwälten und Anwältinnen bisher so unbekannt?

Das ist tatsächlich eine Frage, die ich mir seit meinem Berufsbeginn schon mehrfach selbst gestellt habe. Letztlich bin auch ich erst im Rahmen meiner Bewerbung auf den Bereich Prozessfinanzierung aufmerksam geworden. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Prozessfinanzierung für viele Anwältinnen und Anwälte in der Vergangenheit eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Vielfach trifft man auch heute noch auf die veraltete Vorstellung, Prozessfinanzierung wäre ausschließlich eine Option für Mandanten, die selbst nicht zur Zahlung der Prozesskosten in der Lage sind. Dabei besteht der zunehmende Teil unserer Mandanten aus großen, finanzstarken Unternehmen, die jedoch Prozessfinanzierung vielmehr als betriebswirtschaftliches Mittel zur Ausgliederung ihres Prozessrisikos nutzen.

Viele meiner Kommilitonen, die ebenso wie ich auf der Suche nach einer Schnittstelle zwischen Recht und Wirtschaft waren, haben sich im Anschluss an das Studium oder Referendariat bei Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfungen oder gar im Investmentbanking beworben. Ich erachte die Prozessfinanzierung als eine attraktive Alternative zu diesen Berufszweigen. Durch die Gerichts- und Verhandlungstermine reist man viel im In- und Ausland, hat aber nicht so eine extreme Reisetätigkeit wie häufig in der Unternehmensberatung. Im Vergleich zur Wirtschaftsprüfung und zum Investmentbanking ist man dafür näher an der gelernten juristischen Tätigkeit dran.

Wie würden Sie Ihre Work-Life-Balance bewerten?

Insgesamt würde ich sie definitiv als gut bezeichnen. Wenn ich an einzelnen Abenden länger im Büro bleibe, dann ist dies in aller Regel freiwillig, da ich gerade in einem Projekt stecke und dies zu Ende bringen möchte. Zwar bestehen durch unsere Börsennotierung an der Australian Securities Exchange (ASX) in Sydney diverse feste Fristen, mit einer guten Zeitplanung führt dies aber nur in wenigen Einzelfällen zu Überstunden.

Was würden Sie JuristInnen empfehlen, die den Karriereeinstieg als Prozessfinanzierer suchen?

Natürlich ist es sinnvoll, sich den Bereich Prozessfinanzierung bereits im Rahmen eines Praktikums oder des Referendariats einmal anzuschauen. Als Vorbereitung auf einen Einstieg, egal ob als PraktikantIn, ReferendarIn oder BerufseinsteigerIn, sollte man sich gegebenenfalls vorab mit dem Funktionsumfang von Microsoft Excel vertraut machen. Das konkrete Wissen hinsichtlich der ökonomischen Berechnungen wird man Schritt für Schritt im Arbeitsalltag erlernen. Wenn man gut mit Microsoft Excel umgehen kann, ist dies jedoch sicher eine gute Grundlage für die erste Phase.

Herr Hochstein, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit!

Das Interview führte Bettina Taylor.

Foto:Adobe.Stock/©memyjo

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