Anwältin Corona-Krise

In der Coronakrise ist Improvisationstalent gefragt. Auch die Kölner Einzelanwältin Dr. Annette Wittmütz musste innerhalb kürzester Zeit neue Arbeitsprozesse schaffen. Im Interview mit mkg-online.de erzählt sie, was dabei schon gut klappt und wo noch Lösungen gefunden werden müssen.

Frau Dr. Wittmütz, wie kommen Sie mit dem Arbeiten im Homeoffice zurecht? Ist die Kommunikation mit Mandanten und Gerichten sichergestellt?

Ich bin derzeit etwa zur Hälfte im Homeoffice, da ich ein Kind zu Hause habe, das zwar einige Stunden am Vormittag alleine sein kann, aber nicht ganztägig. Da auch die Großeltern derzeit als Betreuung ausfallen, sind die Bürozeiten entsprechend eingeschränkt. Hinzu kommt, dass Eltern von Kindern, die noch nicht vollständig selbständig arbeiten und mit den Lehrern kommunizieren, derzeit im Home-Schooling einiges an Unterstützungs- und Organisationsarbeit aufgelastet wird – auch die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich natürlich erst einmal auf die völlig neue Situation einstellen.

Im Homeoffice beantworte ich E-Mails und telefoniere mit Mandanten. Da wir unser Büro derzeit für den Publikumsverkehr geschlossen haben, laufen sämtliche Besprechungen per Telefon oder Skype. Unterlagen werden per E-Mail übersandt oder auch postalisch. Unser Bürobriefkasten wird täglich gelehrt, es sind nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice.

Ein Problem ist, dass weder ich noch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen beA-Zugang im Homeoffice haben, so weit haben wir damals bei der Einrichtung des beA nicht gedacht. Solange wir gesund und nicht in Quarantäne sind, ist es noch kein großes Problem, könnte dann aber zu einem werden. Wir hoffen, dass – sollte es zu so einem Fall kommen – dann die Mitarbeiter, die jetzt seit einer Woche im Homeoffice sind, wieder vor Ort einspringen können. Schriftsätze an Gerichte gehen daher unverändert ausschließlich vom Büro aus raus, postalisch oder per Fax. Da ich nicht jeden Tag im Büro bin, erfordert das eine gute Organisation. Es werden alle zwei Tage Listen mit Mandaten, in denen etwas vorbereitet war, abgearbeitet.

Kommen jetzt vermehrt Mandatsanfragen oder weniger?

Es kommen derzeit etwa im unveränderten Umfang Mandatsanfragen. Ich gehe davon aus, dass die reinen Beratungsmandate (Stichwort Eheverträge oder auch Vorsorge durch Testamente, Erbverträge, Vorsorgevollmachten) zunächst weniger werden, da Themen, die einen Aufschub vertragen, u.U. von Mandanten auf ruhigere Zeiten geschoben werden. Umso größer wird der Arbeitsumfang werden, wenn sich alles wieder normalisiert hat. Strittige und eilige Sachen kommen unverändert. In welchem Zeitumfang dies bei den Gerichten bearbeitet werden wird, bleibt abzuwarten. Derzeit bereite ich die Mandanten darauf vor, dass die Verfahren sich verzögern könnten.

Wie gehen Sie mit Fristen um?

Bisher konnte ich alle Fristen unverändert einhalten.

Eben haben Sie ein paar Probleme bei der Einrichtung des beAs im Homeoffice beschrieben. Hätte die Anwaltschaft im Bereich digitales Arbeiten hier vorher mehr tun können?

Die Anwaltschaft war natürlich auf so ein Szenario nicht vorbereitet. Da das beA zum Teil auch fehleranfällig ist – wie auch in der vergangenen Woche -– halte ich das analoge Arbeiten nach wie vor für wichtig, aber das ist natürlich Geschmackssache. Ich lese auch lieber Bücher als Kindle ;-).

Sehen Sie Ihre Existenz in den nächsten Monaten als gefährdet an oder werden Sie durch den vermehrten Bedarf an Rechtsberatung mehr Mandate haben?

Ich sehe meine Existenz nicht als gefährdet an. Die etwas ruhigere Zeit kann gut genutzt werden, um u.U. Mandate zu bearbeiten, die schon länger liegen, Akten durchzugehen, die im Keller abgelegt werden können – ausmisten!

Wie reagiert die Anwaltschaft als Berufsgruppe? Merken Sie Solidarität oder eher Angst?

Ich merke große Solidarität. Der Kölner Anwaltverein hat die Initiative #Juranotalone gestartet, per Facebook, per E-Mail (hilfe@koelner-anwaltverein.de) und auch per Telefon und WhatsApp (017666098456) können sich hilfesuchende Anwältinnen und Anwälte mit Kollegen vernetzen – eine großartige Idee, die von vielen Kolleginnen und Kollegen gut und dankbar angenommen wird. Natürlich ist auch Verunsicherung oder Angst dabei, man rückt in beunruhigenden Zeiten zusammen.

Frau Dr. Wittmütz, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Bettina Taylor.

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Coronakrise effizient meistern
Foto:Adobe.Stock/©Jacob Ammentorp Lund