Kommunikation Zeugen

Von Inés Hoelter

In den USA normal und alltäglich – hierzulande noch unüblich und außergewöhnlich: die Zeugenvorbereitung. Diese ist im Zivilprozess in Deutschland nicht verboten, das Strafrecht zeigt jedoch gewisse Grenzen auf. Doch wie können Sie als Anwältin oder Anwalt feststellen, ob ein Zeuge oder eine Zeugin von der anwaltlichen Beratung dazu veranlasst wurde, von seiner subjektiven Erinnerung abzuweichen? In diesem Beitrag möchte ich Ihnen einen Überblick darüber geben, welche Vorteile ein Human Behaviour-Training und ein fundiertes Verständnis nonverbaler und paraverbaler Kommunikation in einer Zeugenvernehmung für Sie bietet.

Zeugenvorbereitung vs. Zeugenmanipulation

Im US-amerikanischen System ist es üblich, sogar angezeigt, dass Anwälte und Anwältinnen ihre Zeugen vor Aussagen „briefen“. Wie sollten sie sich äußern, wie kleiden, wie mit der ganzen Situation im Zeugenstand umgehen? Dieses hilft den Zeugen erwiesenermaßen sehr, um besser und souveräner mit der Situation im Gerichtssaal umzugehen. Dabei ist sicherlich eine ethische Linie zu ziehen zwischen der Zeugenvorbereitung und einer Zeugenmanipulation. Denn natürlich soll(te) es nicht so sein, dass der Anwalt oder die Anwältin dem Zeugen in den Mund legt, was er sagen soll und was besser nicht – oder schlimmer noch, man ihm vorgibt, an was er sich besser zu erinnern hat und an was nicht. Dies sollte zwar nicht passieren, tut es aber.

Und diese Art von Manipulation kann man schlecht nachweisen oder gar beweisen. Hier muss man sich tatsächlich auf die ethischen Grundsätze aller Beteiligten verlassen. Oder nicht?

Nonverbale und paraverbale Kommunikation

Ein anderes Szenario ist, dass wir in einer Zeugenvernehmung ein sicheres Gefühl haben, dass der Zeuge bzw. die Zeugin

  • nicht die Wahrheit spricht (deception),
  • wichtige Details auslässt (ommission) oder
  • Tatsachen verdreht (revising history).

Statt hilflos zuzusehen und unseren Fragenkatalog weiter abzuarbeiten, können wir reagieren.

Wenn der Anwalt oder die Anwältin sich nämlich auf nonverbale und paraverbale Kommunikation[1] versteht und diese auszulesen weiß, verschafft ihm bzw. ihr dies einen unschätzbaren Vorteil. Man kann dann auf das Gesehene und Wahrgenommene reagieren, und zwar in dem Maße, dass die Manipulationsversuche auffallen.

Und hier kommt das Thema Weiterbildung und Coaching ins Spiel. Wenn wir erst einmal wissen, worauf wir uns bei Aussagen konzentrieren sollten, wird es relativ einfach, an bestimmten Stellen noch einmal gezielt nachzufragen. Denn bei der nonverbalen Kommunikation teilen wir zunächst in Behagen und Unbehagen ein. Intuitiv wissen wir zwar, dass „irgendetwas“ nicht stimmt. Doch solange wir nicht genau wissen, worauf wir zu achten haben, bleibt es nur ein vager Verdacht. Um diesen Verdacht in Gewissheit zu verwandeln, ist ein Coaching in human behavior, also ein Coaching um das Wissen, wie wir Menschen uns in bestimmten Situationen verhalten, Gold wert:

  • Welche Gesten zeigen uns, dass unser Gegenüber im Stress ist?
  • Welche Mimiken weisen auf unterdrückte Wut hin?
  • Und welche Pronomen geben Hinweise auf eventuelle Täuschungsmanöver?

Beispiel: Sprechtempo, blink rate, Kadenzen & Sprachgebrauch

Stellen wir uns eine Person vor, die in einem bestimmten Sprechtempo mit einer bestimmten blink rate (die Anzahl von Lidschlägen in einer Minute) in geraden oder fallenden Kadenzen spricht. Bei einem bestimmten Thema wird das Sprechtempo schneller, die Stimme geht ggf. hoch, die blink rate steigt und die Kadenzen wechseln häufig in steigende (die Stimme geht am Satzende hoch). Hier sollten wir hellhörig werden und noch einmal genau nachfragen, denn anscheinend bereitet das aktuelle Thema dem Zeugen oder der Zeugin Stress (erster Hinweis). Ein anderer tell (also Hinweis) wäre, wenn sich plötzlich der Sprachgebrauch ändert, also beispielsweise Pronomen von besitzanzeigenden zu unbestimmten werden. Hier möchte sich der Sprechende womöglich unbewusst vom Geschehenen distanzieren.

Eine Mischung aus statement analysis und reading, also dem genauen Zuhören – auch und vor allem zwischen den Zeilen – sowie einem Wechsel im Wortgebrauch und dem Auslesen der Körpersignale unseres Gegenübers geben uns einen unschätzbaren Vorteil. Wenn dann noch gekonnte Fragetechniken dazu kommen, offene oder geschlossene Fragen an den richtigen Stellen, Autoritätsfragen oder Balkonfragen, dann haben Sie die Oberhand. Denn erst wenn wir eine Vermutung haben, und zwar eine fundierte, können wir an diesen Stellen, an denen wir ein Abweichen im „normalen Verhalten“ unseres Gegenübers festgestellt haben, weiter „bohren“ – um dann bestenfalls zur Wahrheit vorzudringen.

Wenn wir über dieses Werkzeug verfügen, können wir nicht nur selber sehr viel souveräner auftreten, auch können wir dieses Wissen unseren Zeugen als „Vorbereitung“ an die Hand geben. Und dann ist es auch egal, ob die Gegenseite sich ethisch verhält oder nicht – wir würden der Manipulation sowieso auf die Schliche kommen. Und sind damit unserem Gegenüber stets voraus. Ihre Mandantschaft wird es Ihnen danken.

[1]U. a. Stimmlage, Lautstärke, Betonung, Sprechtempo, Sprachmelodie.

Weitere Beiträge

Inés Hoelter, The Speech Coach, arbeitet seit 20 Jahren als Sprech- und Performancetrainerin in Deutschland. Sie verhilft ihren Klienten zu stimmigen und überzeugenden Auftritten. Sei es auf der Bühne oder im Gerichtssaal. Aus dem Schauspiel und NLP kommend, hat sich Inés Hoelter als human behavior analysist von Paul Ekman und Chase Hughes ausbilden lassen.

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Bild: Adobe Stock/©Feodora

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